iPhone oder nicht? Künftiges Medienverhalten auf mobilen Endgeräten

Wir sind uns einig oder? Das iPhone hat bereits jetzt Kultstatus (nicht nur unter Apple Fanboys). Es ist unbestritten revolutionär in der Bedienerführung insbesondere des mobilen Browsers und es wird das Medienverhalten im Umgang mit mobilen Inhalten nachhaltig verändern. Oder einfacher gesagt, Apple hat die Kombination für ein ansprechendes mobiles Surferlebnis geknackt. Man könnte das vermutlich auch wissenschaftlich herleiten. Aber ich sage, das Rezept ist “as simple as that”: Mittelgrosser Bildschirm, vollwertiger Browser (nicht nur für die mühsamen mobilen Websites), bestechende Bedienung. Dieser Punkt geht (wie auch beim ersten iPod) an Apple.

Nun ist es kein Geheimnis, dass ich vom neuen iPhone gleichermassen begeistert, aber auch enttäuscht bin. Es gibt viele Gründe gegen ein iPhone oder auch gegen Apple, wie es Gründe dafür gibt. Allerdings gehen in der ganzen iPhone Hysterie die Facts über die Funktionalität verloren und da ist zwar einiges vorhanden, aber schlicht nicht in voller Funktionalität (GPS Funktion aber keine Turn by turn Navigation, MobileMe Push Dienst ist nicht vergleichbar mit dem Blackberry Umfang – Neuerdings.com nennt es “iPhone spielt Blackberry“) oder es fehlt gänzlich (MMS, Video, Copy Paste Funktion).

Anstelle von iPhone-Bashing zu praktizieren scheint es mir wichtiger, dass sich der Benutzer absolut klar ist, was er mit dem Handy alles tun möchte (ausser telefonieren, SMSen, und Fotos schiessen), denn die Nutzung des Mobiltelefons wird sich mit der Verbreitung der nächsten 2 Gerätegenerationen grundlegend verändern. So scheint es mir wichtiger, mit der Anschaffung eines mobilen Gerätes der neuesten Generation über künftiges Medienverhalten nachzudenken, als nur aufzulisten, was ein Gerät im Vergleich mit der alten Generation eben hat oder nicht hat.

Die Grundvoraussetzung ist nach wie vor, dass es idealerweise Flatrates für Datentransfer (Surfen) oder zumindest halbwegs überschaubare und akzeptable Preismodelle gibt. Die Preismodelle von Swisscom und Orange gehen im Ansatz in die gute Richtung, auch wenn diese für die breite Anwendung noch deutlich zu teuer sind. Es wird Killerapplikationen geben, die kaum mehr wegzudenken sind (so wie damals der Teletext (den es im übrigen immer noch sogar auf Internet gibt)).

Ich orakle jetzt ein bisschen und schaue etwas in die Zukunft.

Zunehmender Konsum von mobilen News via mobile Sites und RSS Feeds

  • Das Medienverhalten wird sich verändern, im Zug, an der Postautohaltestelle, im McDonalds, vor Tally Weil Filialen, im Starbucks Kaffee oder überall wo öffentliche WIFI Hotspots sind, werden immer mehr Leute in sich gekehrt an einem mobilen Endgerät “herumnöggeln”. Sie lesen 20min nicht mehr auf Papier sondern online.

Zunehmender Upload von (georeferenziertem) Bild- und Videomaterial auf Plattformen ohne Umweg über den Desktop

  • Bilder und Videos werden heute schon in jeder Lebenssituation gemacht. Am Open Air und Konzerten, bei einem Unfall, in den Badenferien von betrunkenen Kollegen. Selten werden diese als MMS oder per Email vom Handy versandt. Wesentlich öfter geht der Weg über die mitgelieferte Software auf den PC und wird von dort weiter veröffentlicht.
  • Künftig werden Bilder und Videos direkt vom Handy auf Videoplattformen, in Blogs und Bildergallerien sozialer Netzwerke oder in eigene Fotoblogs heraufgeladen und ohne Umweg über den PC veröffentlicht.
  • Die Bilder und Videos von GPS-fähigen Handys geben gleich auch die Koordinaten der aufgenommen Bilder mit. So kann jedes Bild auch auf einer Weltkarte (vermutlich ein Google Maps Mashup) auf Fotodiensten wie Flickr.com, Picasa Webalben etc. mit seinem Aufnahmeort dargestellt werden.

Location Based Services

Location Based Services (grauenvoller Wikipedia Artikel) sind die Killerapplikationen der kommenden Jahre. Wer sich einmal an die kleinen mobilen Helfer gewohnt hat, wird die Information jederzeit wollen und nicht zu Hause am Internet oder Teletext oder schlimmer noch, am TCS und SBB Infotelefon abhören wollen.

Prädestiniert ist sämtliche Couleur von Reise- und Alltagsinformationen wie z.B.:

  • Karten / Routenplaner
  • Fahr- und Flugpläne
  • Wetterprognosen
  • Verkehrsinformationen
  • POI (Points of Interest) Informationen wie Hotels, Tankstellen, Sehenswürdigkeiten, Bancomaten
  • Sportresultate und Lottozahlen
  • Film- und Kinoinformationen
  • Fernsehprogramm
  • Menukarten der bevorzugten Restaurants

Ich kann mir gut vorstellen, dass sogar während dem Fernsehschauen Informationen zum Film, zu parallelen Sportveranstaltungen oder auch das Fernsehprogramm auf einem mobilen Endgerät über das heimische WLAN angeschaut werden. Auf Reisen ohne eigenen Computer sind die Anwendungsgebiete noch viel offensichtlicher.

Vollwertige Turn by turn Navigation / MP3 Funktion

Das Handy der neuen Generation ersetzt all die TomToms und die mit Kabel verbundenen iPods und MP3 Player die mit Gummipfropfen an die Autoscheiben geheftet sind. Mit vollwertiger Navigationssoftware und internationalem Kartenmaterial.

  • Es gibt nur noch das Handy anstelle von TomTom Navigationsgeräten
  • Dafür gibt es TomTom Applikationen für das iPhone, Google Android und vielleicht auch anstelle von Nokia Maps
  • Die Autohersteller werden Standardschnittstellen (USB und Bluetooth und Dockings für die Bedienung der mobilen Navigationssysteme, Freisprechanlage und MP3 Player (z.B. über Lenkrad Joysticks und Audioausgabe über das Autoradio) anbieten.
  • Geotracking für Sportler und Reisende. Die gefahrene / gelaufene Strecke kann mittels Handy aufgezeichnet werden und nachher mit den entsprechenden Anwendungen (wie z.B. Google Earth) synchronisiert werden.

Die Benutzer synchronisieren ihre Kontakte, MP3 und das Kartenmaterial via WLAN vom PC und haben dies sowohl im Auto als auch unterwegs auf einem Endgerät zur Verfügung.

Instant Messaging Suite – Auswahl zwischen mobilen und Internetanwendungen

Die Benutzer wollen ihre Messaging Dienste nahtlos und wahlweise am PC oder auf dem Handy haben. Die grossen Social Networks und Messaging Dienste werden Clients dafür anbieten

  • Social Web Plattformen wie Facebook, Xing, MySpace haben bieten mobile Clients oder mobile Websites
  • Die wichtigsten Instant Messaging Dienste haben mobile Websites (ICQ, Yahoo Messenger, Windows Messenger, Google Talk etc.)
  • Web 2.0 Plattformen wie Twitter, Plazes etc. haben mobile Interfaces

Mobile Gaming

Das mobile Gaming erfährt ein Revival (wenn man das so sagen darf) und beschränkt sich nicht mehr auf den Download von einfachsten Java Applikationen

  • Grosse Bildschirme, Touchscreens und positionsabhängige Sensoren ermöglichen neuartige Games (wie bereits auf dem ersten iPhone)
  • Die grossen MMORG werden APIs schreiben um zumindest auf Teile der Spieleinformationen (Spielstände, News, Chat, etc.) zugreifen zu können
  • Neue Gamegenre werden mittels Einsatz von GPS Daten erfunden werden
  • Geocaching erfreut sich zunehmender Beliebtheit, weil die Geräte mit GPS ausgerüstet sind und der Internetzugriff jederzeit auf der Wanderung im Hosensack ist.

Spannende Zeiten stehen an. Vor diesem Hintergrund sieht die Handy Wahl nun ganz anders aus. Garmin Nüviphone, Google Android, die neuen HTC, Blackberry und Samsung Omina haben alle irgendwo ihren eigenen Ansatz und ordnen sich im Kontext der zukünftigen Anwendungsgebiete ein.

Einen wesentlichen Beitrag werden die Hersteller von Drittsoftware leisten. Mit ihren Produkten werden die neuen mobilen Endgeräte erst das leisten, was die Benutzer sich insgeheim erhoffen. Vorbei sind die Zeiten, als jeder Handy Hersteller sein proprietäres Süppchen gekocht hat. Ich bin gespannt, welche Anwendungen sich in der Masse wirklich durchsetzen werden und welchem Handyhersteller es gelingt, sich für Drittsoftware schnell genug zu öffnen.

Zum Schluss noch ein Goodie, welches einen Eindruck von künftigen Anwendungen auf den Internet Handys ganz treffend zeigt.



Youtube Video: Google Streetview “How-to”

Für diejenigen, die selber klicken möchten, hat Google einen ausgewählten Kartenausschnitt vom Times Square, der bereits vollumfänglich im Streetview funktioniert.

Autor: Ralph

Ralph Hutter. Schreibt über Web 2.0 Trends, Fotografie, Netzkultur, geeky Gadgets, iPhone Apps und neue Medien.